Recht so, Herr Morales!

„Ich bedaure das, was passiert ist, und ich möchte sagen, dass sich einige europäische Länder vom amerikanischen Imperialismus befreien sollten.“ – so der bolivische Präsident Evo Morales bei seiner Ankunft zuhause, vor wenigen Minuten in den Nachrichten auf N24 ausgestrahlt.
Der Maschine eines Staatsoberhauptes nur auf einen Verdacht hin, er habe Herrn Snowden an Bord (einen Whistleblower, keinen Terroristen!), die Überflugrechte zu verweigern, sodass er 14 Stunden in Wien festhängt … – wie soll man das beurteilen? Wenn (nicht nur) Millionen Südamerikaner das als eine Beleidigung und einen ungeheuren Akt ansehen und Präsident Morales den Europäern einen solchen Ratschlag gibt – ja: Wer hat hier eigentlich politischen Nachholbedarf?
Ich hätte bis gestern nicht sagen können, wie Boliviens Präsident heißt, aber das weiß ich heute sicher: Das war ein weiterer Tag zum Fremdschämen für jeden Europäer, der das kolonialistische Denken von damals längst vollständig abgelegt hat. Und ich frage mich: Warum kenne ich diesen Präsidenten nicht? Immer die gleichen Gesichter in den Nachrichten. Nein, ich habe nichts gegen die Obamas und Merkels und andere – aber die Sätze von Morales auf unseren Bildschirmen waren vielleicht mal überfällig. Ja, ich bin davon überzeugt, dass uns dieser Mann sehr viel zu sagen hätte! Aber bis sich diese Erkenntnis durchsetzt, wird es wohl noch dauern – man beachte dazu (innerhalb eines ansonsten sehr sachlichen Nachrichtenbeitrags) den Untertitel bei N24: „Präsident Morales giftet gegen USA“. Westliche Politiker „kritisieren“ oder „üben scharfe Kritik“ (z.B. bezüglich Menschenrechtsverletzungen anderswo) – ein bolivianischer Präsident „giftet“? Hm, nun ja…
Frankreich hat es inzwischen bedauert (immerhin, und wenigstens zeitnah) – aber dann ausgerechnet Spanien und Portugal! Oh, oh, das reißt viele alte Wunden wieder auf! Aber: Wer weiß, was geschehen wäre, wenn die Route über deutschen Luftraum verlaufen wäre?
Die Affäre Snowden als prekäres politisches Schauspiel zeigt in nur wenigen Tagen klarer auf, wer wie zu wem steht, als Jahre voller diplomatischer Phrasen im Blitzlichtgewitter irgendwelcher Gipfeltreffen. Ich bin gespannt, wie das weitergeht!
 
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Hätt‘ ich bloß nicht angerufen!

Wollte mir gestern kurzentschlossen endlich ein Smartphone kaufen (war schon für Weihnachten geplant, aber ich fand Bücher dann doch wichtiger…), um mich auf der Casual-Connect-Konferenz mit meinem alten Mittelalterknochen nicht bis auf dieselben zu blamieren.

Also habe ich erstmal den Hamburger Tagesrekord von gleichzeitig geöffneten Browsertabs mühelos pulverisiert, dann das „Tarifdschungelcamp“ souverän gewonnen, ohne einen Bikini essen, äh, tragen zu müssen (yeah) – und als auch der letzte Handyanbieterladen in der schönsten Stadt der Welt definitiv geschlossen hatte, wusste ich noch definitiver, was ich genau wollte, wie und bei wem und bis wann: eigentlich „nur“ einen Tarifwechsel bei Kabel Deutschland und ein Smartphone in die Hand, bis Montagmorgen. Die haben auch einen „Shop“ in Hamburg. Um elf muss ich im Congresscentrum sein, der Laden öffnet um 10 Uhr…

Ja, ein Bisschen knapp wäre das geworden. Trotzdem: Hätte ich mich doch damit zufriedengegeben! Aber nein: Nach Abendessen und Kinder-ins-Bett-Bringen mit letzter Kraft um 21.45 Uhr die Bestellhotline angerufen in der Hoffnung, dadurch ginge es irgendwie schneller (ha!!!). Dateneingabe, Wiederholung und Bestätigung (in einem eigenartig starren Gesprächsschema) brauchen gut 15 min, und mein Bauch sagt mir: „Das ist nicht schnell, Junge, das ist überhaupt nicht schnell! Du machst einen großen Fehler!“

In der Tat: Das dauere in der Regel zwischen fünf Werktagen und… – „Aber wenn ich gleich Montag zu dem Shop gehe???”, schnappe ich dazwischen. “Das Modell haben die doch sicherlich da, oder?“ Oh oh, das waren implizit gleich zwei bis drei völlig unerwartete Fragen, und die CPU-Auslastung des armen Hotliners erreichte schlagartig hundert Prozent: Die Hamburger Kollegen arbeiten offenbar undercover – denn er weiß weder von ihrer Existenz noch von ihrer Arbeitsweise… – Ich überlege, ob mich das jetzt mehr an alte Geschichten aus der DDR oder an das Service-Desaster “Deutsche Telekom” vor ca. 15 Jahren erinnert – aber nur für einen kurzen Moment, denn jetzt geht er zum Gegenangriff über: Aber ich solle mich bitte ein wenig gedulden, wir hätten doch jetzt Wochenende, das ginge nicht von jetzt auf gleich. Sie würden das so schnell bearbeiten, wie es geht, dann würde der Vertrag sicher gleich am Montag auf dem Postweg…

Ach so, verstehe: Die Hotline arbeitet nicht schneller, sondern im Gegenteil deutlich langsamer als der geheime Stützpunkt vor Ort. Sie ist also samstags nur deshalb bis 22 Uhr besetzt, um ungeduldigen Kunden zu sagen, es sei jetzt Wochenende. Hm, auch ’n Ansatz… – da muss man nur erst mal drauf kommen. Auf die nächste Frage (wie schnell die Vertragsdaten bei dem Shop wären) verzichte ich freiwillig. Denn er weiß von dem Shop ja nichts. Damit wäre dann wohl klar, dass die letze Viertelstunde für die Füße war.

Immerhin: Er ahnt es wohl auch. Schweigen. Er schließlich: „Und was soll ich mit der Bestellung jetzt machen?“ Ich hole tief Luft und sage: „stornieren“ – aber es fühlt sich an wie: „Erschieß‘ mich!“ Ich komme mir vor wie jemand, der anderen vorsätzlich den Abend versaut.

Aber eigentlich ärgere ich mich: Sorry, aber ich bin die Amazon-Overnight-Express-Generation. Nicht ich habe diese Standards eingefordert. Ich lese das lediglich seit fünfzehn Jahren fast täglich auf dem Monitor. grüne Schrift. sechs Euro Aufpreis. Heißt jetzt Prime, mit noch mehr Optionen.

Na egal, ja gut: Dass Amazon bekannter ist als Kabel Deutschland, wird schon seine Gründe haben. Aber was mich daran wirklich nervt, ist: Ich hatte ihm doch gesagt, dass die hier einen Außenposten haben, der um 13 Uhr geschlossen hat und 45 h später wieder öffnet. Wenn nun Zeit keine Rolle spielen würde – ja, meine Güte, was glaubt der Mann denn, wie ich dann darauf käme, am Samstagabend diese Hotline anzurufen??? Da spiele ich doch viel lieber mit meiner Frau Scrabble, oder etwa nicht?

Als ich übrigens gegen 19.30 Uhr beim Media Markt angerufen hatte, weil die angeblich so ein halber Partner von KD sein sollen, konnte mir der herbeigerufene Mitarbeiter zwar auch nicht weiterhelfen – aber mir immerhin in zwei Sätzen erklären, warum. Und er hatte sofort verstanden, dass ich es eilig hatte. Ist ja auch klar: “Media Markt – ich bin doch nicht blöd!”, hehe. Das erste Mal in meinem Leben, dass mich dieser saudämliche Satz nicht gestört hat…

Genug gemeckert. Den morgigen Montag werde ich gleich mit einer guten Tat beginnen und den geheimen Undercoverstützpunkt aufsuchen. Und sobald ich mich davon überzeugt habe, dass sich hinter dem Tresen nicht irgendwo Kurt Felix versteckt hält und ich weiß, dass die Leute echt sind – dann werde ich den Mitarbeitern dort sagen, dass sie bei der Hotline ihres Arbeitgebers noch als unentdecktes Volk gelten… Ich glaube zwar nicht, dass die das groß interessiert. Denn entscheidend ist doch, dass die zentrale Lohnabrechnung von ihnen weiß, und das scheint ja zu funktionieren. Aber vielleicht sind sie wenigstens so nett, mir für ein paar Tage eine überzeugende Smartphone-Attrappe auszuleihen. Nach all dem, was ich schon hinter mir habe…

 

* * *

 

Nachtrag: Um der Wahrheit willen muss ich ergänzen, dass mein Smartphone auf wundersame Weise dennoch sehr schnell geliefert wurde. Wie das vor sich ging, weiß ich nicht mehr – und so richtig verstanden hab ich’s auch damals nicht. Aber mit der Sorge, jemand könnte sehen, was ich in meiner linken Hosentasche hatte, war’s vorbei. uff.

* Dies ist eine jährlich stattfindende Konferenz für Fachleute aus der Games-Branche, die im Bereich „Casual Games“ tätig sind. Damit sind Spiele gemeint, die „mal schnell zwischendurch“ gespielt werden können – wie z.B. das sehr erfolgreiche und preisgekrönte  Forge of Empires von den Hamburger Spieleentwicklern bei InnoGames.

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Ach, Herr Lanz!

05. Februar 2013: Ich schalte den Fernseher ein und lande direkt in einem sehr heißen Thema:

Der katholische Publizist Martin Lohmann äußert sich bei Markus Lanz zum Thema Lebensrecht. Auch abgesehen davon, dass ich Lohmann in vielem zustimme: Er argumentiert besonnen, klar und mit viel Verständnis und Weisheit angesichts zu erwartender harscher Kritik vieler. Und allein der Mut, dies zu tun, verdient Respekt.

Eine begründete ethische Überzeugung zu haben und diese vertreten zu dürfen (solange sie der Verfassung nicht eindeutig widerspricht), ist eine Freiheit in unserem Land, die man kaum hoch genug einschätzen kann.

Lohmann sagt eindeutig, dass niemand der betroffenen Frau die Entscheidung abnehmen kann und dass letztlich das persönliche Gewissen die höchste Instanz ist. Wenn die Frau sich also zu einer Abtreibung entschließt, respektiert auch er dies, wenngleich er es nicht für richtig hält.

Lanz hakt nach: „Dann wäre also in einem solchen Fall eine Abtreibung in Ordnung?“
Lohmann: „Nein. Ich verstehe das anders.“
Lanz: „Dann heißt das also, Sie lassen sie allein.“
Lohmann (nachdrücklich): „Nein!“
Lanz: „Doch!
Lohmann: „Nein.“
Lanz: „Natürlich!“
Lohmann: „Nein. Wir vom Bundesverband Lebensrecht z.B. lassen niemanden allein. Wir kö…“
Lanz (unerbricht): „Sie lassen Sie mit der Entscheidung allein!“
Lohmann: „nein, auch nicht. (…) es darf niemand in einer solchen Notsituation allein gelassen werden! (…)“
Lanz: „dann nicht notwendigerweise alleingelassen, aber die letztendliche Entscheidung muss sie dann ganz allein im stillen Kämmerlein mit sich treffen.“
Lohmann: „Das gilt für alle Entscheidungen im Leben. Da…“
Lanz: „So: Und das ist genau die Not, über die wir hier reden. Wir drehen uns jetzt hier sozusagen im Kreis..“
(…)
Lohmann betont noch einmal die Freiheit des Gewissens, die große Not dieser Entscheidung, usw., und man merkt, dass sein Respekt vor einer Entscheidund zur Abtreibung echt ist, auch wenn das nicht seiner Überzeugung entspricht.

Lanz gelingt das leider nicht. Er würdigt den Mut, so etwas offen zu vertreten, kann es sich aber nicht verkneifen, der katholischen Kirche abschließend mahnend mitzugeben, dass sie sich in Zukunft dieser Frage sicher noch massiver wird stellen müssen.-

Ach! Ich bin nun kein Katholik und will es auch nicht werden. Aber als Theologe weiß ich, dass darüber nicht erst seit heute nachgedacht wird. Und wie wenig manche auch die Ergebnisse mögen werden: Auch hinter den katholischen Positionen („auch“, weil viele denken: Wo ein Dogma ist, wird nicht mehr nachgedacht) steht eine kaum zu ermessende Menge an Arbeit, ernsthaft geleistet von Generationen von Theologen und Denkern. Wie viel Mühe sich „Fachleute für Religion/Ethik“ oft machen – und zwar gerade in derartig schwierigen ethischen Konflikten -, das kann Herr Lanz sich offenbar nicht vorstellen.

Schade. Von Topmoderatoren sollte man zumindest erwarten dürfen, dass sie wissen, wo sie den Bereich einer sachlichen Debatte verlassen und wo sie beginnen, zu unterstellen und zu mutmaßen.

Aber abschließend freue ich mich, dass Herr Lohmann sich diesem Gespräch gestellt hat und denke mal, dass nicht wenige Zuschauer zumindest gemerkt haben, dass Lebensrechtler keine dogmatischen Idioten sind, sondern ernsthaft denkende Menschen, die sich der großen Problematik solcher Konflikte sehr bewusst sind.

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Kartoffeln

Was auch immer die Knollen
wollen,
leg‘ mir die Pflanzen
in den Ranzen
und reich mir die Flosse,
Genosse,
und wir gehen in den Stollen –
lass uns tanzen!

15.11.2012; nachdem Carolin mir ihr Arbeitsblatt über Kartoffelpflanzen gezeigt hat und die Wörter in meinem Kopf zu spielen begannen.

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Ich bin dein Passwort

Ich bin dein Passwort.
Verwahre mich gewiss
an einem sich’ren Ort.

Ich bin dein Passwort.
Wenn mich jemand erfährt,
ruf schnell an beim Support.

Ich bin dein Passwort.
Wenn ich zu einfach bin,
sind deine Gelder fort.

Ich bin dein Passwort.
Wenn wir schon zwanzig sind,
wird’s zum Gedächtnissport.

Ich bin dein Passwort.
Mit Sonderzeichen, Ziffern, Rätseln
bin ich ein sich’rer Hort

Ich bin dein Passwort.
Merk dir, wo du mich ablegst,
dass du mich findest dort.

Ich bin dein Passwort.
Für meinereinen gab’s
schon manch‘ brutalen Mord.

Ich bin dein Passwort.
Stand ich auf einem Zettel,
wirf ihn in den Abort.

Ich bin dein Passwort.
Du bist mein Sklave, Kleiner!
Und ich, ich bin dein Lord.

Fernundtief, 13.12.2012; alle Rechte beim Autor

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certified frustrationfree packaging

Ich war ja beim Bestellen schon neugierig auf die von Amazon garantierte „frustrationsfreie Verpackung“ der USB-Sticks. Dann verstand ich: Nur ein Handgriff beim Aufreißen, kein Gezuppel, kein Papiermolekül am falschen Platz. Jo, das gefällt, da kann man nicht meckern – wobei ich beim Öffnen früherer Sendungen nicht gleich das Wort „Frustration“ verwendet hätte.

Der angestrebte Weltrekord in Kundenzufriedenheit: das garantiert frustrationsabstinente Abreißerlebnis bei Amazon

„Certified frustrationfree packaging“!!! Nur, weil der Abreißzippel nicht zickt und alles bei sich behält! Ist das nicht köstlich? Noch immer muss ich mich zwingen, nicht zu lachen. Doch andererseits: Ist es nicht rührend, wie sich jemand bis zur Perfektion um meine Zufriedenheit bemüht, der mich nicht einmal persönlich kennt? Ich beginne zu träumen: „certified frustrationfree W-LAN“… – oooh ja, das wäre ’ne Ansage! Oder „certified frustrationfree Chefgespräche“ (oder wenigstens einigermaßen faire), als ich noch FeGN-Pastor war: Hammer, das wär’s gewesen!

 
Ich muss nachdenken: Ist vielleicht der beste Status eines Menschen der, ein „Kunde“ zu sein? Ich weiß es nicht. Aber so viel kann ich sagen: So albern ich dieses Siegel auf dem Umschlag auch finde: Irgendwie hat’s mir ja doch gefallen . Ich werd‘ ihn aufheben, inklusive fusselfreies Abrissdingsbums (das hatte bestimmt noch zwei Jahre TÜV, muss mal grad‘ gucken … wo das steht ….). Egal: Ich heb‘ ihn auf, mindestens zwei Jahre! Auf diese zertifizierte Frustrationsfreiheit gibt es nur eine angemessene Reaktion: Umschlag, du bleibst bei mir! Und dein Wunderschnipsel auch. Mindestens bis zum 18. September 2014, und selbstredend frustrationfree. Das ist certified, darauf kannst du dich verlassen.

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arbeitssuchend: Ich suche – ich lebe!

Ein paar Tage noch, und ich bin offiziell arbeitslos – entschuldigung: arbeitssuchend. Der Ausdruck gefällt mir eigentlich. Er klingt nicht so nach Opfer, nicht so passiv, nicht so rückwärtsgewandt oder statisch. Eine gute Vokabel, und es ist gut, dass sie ganz bewusst so gewählt wird – nicht so wie manche unerträglichen Euphemismen, die als Kandidaten für das „Unwort des Jahres“ Bekanntheit erlangen. Nein, ehrlich: Das Wort ist gut. Und Sprache prägt das Denken. „Arbeitssuchend“, das trägt in sich eine Menge Positives: Es besagt indirekt:

1. Es ist Arbeit da! Es gibt etwas zu tun, zu bewegen, zu gestalten. Da ist etwas – es ist nur noch nicht sichtbar. Aber: Es ist da! Jemand, der sich nur als „arbeitslos“ definiert, sagt von sich nur aus: „Ich hatte mal etwas, das bin ich jetzt los.“ Habe verloren, bin ärmer geworden. Bin vielleicht selbst schuld: Habe also nicht nur neutral „verloren“, sondern vielleicht „verspielt“, „vermasselt“, habe „versagt“. Manchmal stimmt das ja auch. Aber wenn, dann weiß man das in der Regel, und das ist schmerzhaft genug. Das muss nicht noch ständig als „Ich bin echt ’ne arme Wurst“-Etikett herumgetragen werden.

2. Ich bin noch am Leben. Ja, das klingt dramatisch. Aber wir alle wissen doch: Zu leben, lebendig zu sein, das ist mehr als: aufstehen, essen, zur Toilette gehen, Sex haben, Zeitung lesen, auf den Bus warten und jammern, wie schwer alles ist. Manchmal scheint mir mein Leben in der Tat seltsam reduziert zu sein. Ein Tag ist vorüber – und? Da trottet man vom Morgen in den Vormittag, schaut mittags kurz auf, ruht ein wenig und gewohnheitet weiter, bis man schon wieder müde wird. Dann noch ein paar Handgriffe, ein paar Sorgen, ein paar Ablenkungen – und aus einem siebenundzwanzigsten wird ein achtundzwanzigster Juni, und alles wieder von vorn.

Denn es ist so still, ohne Arbeit. Nicht durchgehend im Wortsinn, denn wir haben drei Kinder. Mehr in dem Sinne, dass es mir manchmal so unerheblich erscheint, ob ich nun an einem Tag „mit drive“ vorwärtsstrebe oder lediglich meine Vitalfunktionen auf Standgasniveau halte und mich „schone“ – und nicht einmal weiß, weswegen und wofür eigentlich. Mein Leben verlangsamt sich. Das ist zunächst sehr angenehm. Aber es verflacht auch, wird variantenärmer. Ich treffe weniger Leute, scherze weniger, bekomme weniger Impulse und erlebe seltener, wozu ich imstande bin – denn es triezt mich ja keiner! Es wird eindimensionaler – wenn ich nicht aufpasse. Denn eines ist unübersehbar: Draußen, um mich herum, setzt sich das ganze Treiben fort, das auch mich bis vor kurzem noch einkleidete, umfing und in eine Relation setzte, die sich „wichtig“ anfühlte.

Aber jetzt? Jetzt nicht mehr. Nein, mein Lebenssinn war nicht die Arbeit. Mein Leben ist Christus – und das ist nicht nur so dahingesagt. Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Wenn man plötzlich entlassen worden ist: Dann fehlt doch trotzdem eine ganze Menge, oder nicht? Das ist ja nicht alles transzendent, was ich als Christ erlebe, machen wir uns nichts vor. Leben mit Gott spielt sich mehrheitlich „down to earth“ ab. Und da ist plötzlich der Trubel weg, der Anspruch reduziert, der Pflichtenwald gelichtet – und nur auf Facebook sind meine Kontakte noch so zahlreich wie vorher. Zuerst genießt du es, dass das Telefon nicht so oft klingelt – aber so allmählich …

Ich werde ausführlicher, als ich wollte – ja, genau das meine ich! Mir fehlen die Gesprächspartner, Anreize, Ziele, Anforderungen. Aber: Gott sei Dank bin ich ja nicht arbeitslos – ich bin arbeitssuchend! Nicht arbeitsvermitteltwerdend, und auch nicht arbeitsverdrossen oder gar dagegen allergisch oder unbrauchbar. Ich suche! Ich!!! Nicht mein Arbeitsvermittler, nicht meine Frau, meine Mama, der Staat – nein, ich! Und wer sucht, der agiert. Der verlässt sein Revier, der dehnt seine Vorstellungen aus ins Unbekannte hinein. Wer sucht, macht sich auf den Weg, bricht auf ins Ungewisse, wagt Neues – ja, jetzt wird’s phrasenhaft, hab’s gemerkt … Aber es stimmt ja nun trotzdem.

Zum einen der Kampf gegen die schleichende Passivisierung meiner Tage – und teilweise wehre ich mich gar nicht dagegen. Ja: In meinem Herzen bin ich oft doch einfach nur arbeitslos. Das ist tückisch. Aber! Gleichzeitig hat sich meine Wahrnehmung enorm verändert und ich bin wacher als zuvor, und zwar deutlich! Denn egal, ob ich Zeitung lese, jemanden kennenlerne, im Internet surfe, aufräume, fernsehe oder irgendwo unterwegs bin: Ich scanne. Ich scanne meine gesamte Umgebung durch, ständig. Immer auf Empfang für ein Signal, eine Idee, einen Wink, eine Fährte, eine Neuberufung.

Das bewusste Suchen ist als Tätigkeit im Wesentlichen Arbeit: Die macht ja durchaus auch Freude, wünscht aber Disziplin, Konzentration, Beharrlichkeit und ein Bisschen planvolles Vorgehen. Selbst wenn die Suche mal ein oder zwei Stunden nur auf der Couch stattfindet und sich kaum mehr als meine Finger bewegen, weil ich im Internet bin, ist das Arbeit und fühlt sich so an. Da „scanne“ ich sozusagen im Vordergrund.

Aber dieses Scannen im Hintergrund ist etwas anderes: Das schaltet sich eigentlich kaum ab, es läuft immer mit – und verändert, wie ich die Welt wahrnehme. Ihr merkt schon am Ton, dass ich das als eine Bereicherung empfinde, nicht als Strafe. Es gibt ja auch andere Gedanken und Befindlichkeiten im Leben, die im Hintergrund weiterlaufen: Trauer, Zorn, Mutlosigkeit, usw. Das kenne ich auch. Ich kenne Tage, da würde ich meinen Ex-Chef am liebsten ********** – den halben Tag lang! Und den vielen passiven Zuschauern in ihrer Gleichgültigkeit wenigstens eins auf die Nase geben. Da ist das kein Spaß, wenn ein Programm weiterläuft, echt nicht.

Aber hier: Ich suche! Plötzlich nehme ich bewusster wahr, an welchen Firmen ich immer vorbeifahre, mache alte Kisten mit längst abgehakten Zukunftsgedanken wieder auf, werde hellhörig, wenn eine Branche wächst oder jemand über „soft skills“ am Arbeitsmarkt spricht, überlege mir plötzlich, ob ich vielleicht Stenografie lernen sollte und wie schwer das wohl wirklich ist – und hake in Small Talks anstelle eines Höflichkeits-„mhm“ (er ist Autoverkäufer, na meinetwegen…) blitzschnell nach: „Sag mal, wie kann ich mir das vorstellen in deinem Beruf? Was machst du da genau?“

In einem Satz: Die Welt dreht sich zwar deprimierend gut auch ohne mich weiter – aber sie ist interessant und ansprechend wie nie! Denn ich bin arbeitssuchend! Ich bin meine Arbeit los, ja. Ich bin verletzt, ich bin stinksauer, ich bin bin frustriert, ich bin verunsichert, fühle mich manchmal alleingelassen und verhinterteilt, denke: „Was für ein Auswurf!“ (sinngemäß). Und ich werde nicht zurückkehren. Wenn ich könnte, würde ich das Fenster schließen und vorüberfahren, denn manchmal stinkt’s mir wie der Mist auf dem Feld. Doch Moment! Ist beim Bauern der Mist nicht der Dünger für die fette Ernte, die er erwartet? Nicht, dass ich irgendetwas schönreden will. Aber wo der Mist nun mal da ist, soll er wenigstens zeigen, dass aus ihm Zukunft werden kann!

Und darum: Arbeitslos sein ist Mist – glaubt mir das. Aber ich bin arbeitssuchend​! Ich werfe meinen Mist also aufs Feld. Auch den Mist meiner eigenen Verfehlungen und Charakterdefizite, über die man mich ausführlichst unterrichtet hat (ein Geruch, der nicht leicht von dir weicht, leider – und du denkst bald, jeder riecht das sofort und ist verstimmt…). Und dann hoffe ich, dass der große Herr der Ernte daraus eine Frucht schafft für die Zukunft. Ich weiß nur noch nicht genau, wo. Oder wie. Aber mein Blick ist wach wie nie. Ich suche! Ich bete. Ich scanne! Ich frage. Ich wäge ab, ich nehme wahr, teste, simuliere, staune, verwerfe und schüttle den Kopf – mal lachend, mal müde. Und mache weiter: Ich überdenke neu, recherchiere, grenze ein und schließe aus. Und auch wenn ich aufhöre – ich scanne weiter. Und die Welt ist voll von tausend Möglichkeiten. Ich scanne. Ich suche. Ich lebe!

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